Vom Verstandeswissen zurück in die Selbstanbindung

Veröffentlicht am 5. Mai 2026 um 13:10

Ein Wendepunkt in meinem Leben:

Seit über zehn Jahren beschäftige ich mich intensiv damit, wie ich unsere Tochter, die mit hohem Unterstützungsbedarf lebt, am besten begleiten kann. Sogar mein Studium der Erziehungswissenschaften und meine Masterarbeit (Disability Studies) habe ich darauf fokussiert.

Dieses Wissen hat mir vieles eröffnet. Es hat mir einen erleichternden Blick auf die Behindertenhilfe hier in Tirol geschenkt. Ich habe Entlastungsmöglichkeiten und schöne Projekte kennengelernt. Ich habe mich mit den Strukturen der Landschaft der Behindertenhilfe beschäftigt und auch mit dem eingeschränkten Blick, den wir in unserer Gesellschaft oft auf Menschen mit Behinderung haben.

Ich habe unzählige Bücher angerissen, gelesen und studiert und mich mit Menschen unterhalten, die mit Menschen mit Behinderung arbeiten und leben. Viele Ansichten haben mich in dieser Zeit geprägt — im Positiven wie im Negativen. Viele wertvolle Haltungen und Sichtweisen haben unsere Gesellschaft noch nicht durchdrungen. Eltern bleiben dadurch häufig sich selbst überlassen – es sei denn, sie haben das Glück, über die nötigen Ressourcen und das Wissen zu verfügen, um sich ihren eigenen Weg zu einem inklusiven Leben mit ihrem Kind zu bahnen.

Irgendwann zwischen den Windelwechseln von 3 Kindern, dem Wunsch eine "perfekte" Mutter zu sein und den starken emotionalen Ausbrüchen unserer großen Tochter musste ich gezwungenermaßen, aus diesem "Verstandeswissen" ein Stück weit austreten.

Ich fühlte mich überfordert mit den emotionalen Ausbrüchen und all das Studium konnte mir nicht wirklich dabei helfen. Auch die viele Tipps und Tricks aus Ratgeber, Instagram und Co waren für mich nicht stimmig.

Was mir letztlich geholfen hat, war die Auseinandersetzung mit mir selbst — und mit der Frage, was diese emotionalen Zustände meiner Tochter eigentlich mit mir machen.

Besonders das Ausdrucksmalen hat in mir vieles ins Rollen gebracht. In der Ausbildung zur Malbegleiterin haben wir selbst viele Malprozesse durchlaufen, und diese Prozesse haben mir viele Erkenntnisse über mich selbst geschenkt.

Ein toller Prozess war folgender: Beim Ausdrucksmalen wird man von einer MalbegleiterIn "bedient". Sie steht einem bei Blockaden oder Fragen zur Seite. Sie ist anwesend und hat einen wohlwollenden und wertfreien Blick auf die Malenden. Bei einem Bild nahm ich während des Malens in mir war wie gestresst ich davon war, dass die Malbegleiterin mich "beobachtete". 

Ich stellte mir die Frage:
Warum fühle ich mich so beobachtet in meinem Tun? Was sagt dieses Gefühl über mich aus? Habe ich Angst etwas falsch zu machen? Will ich immer das Richtige tun, um jemandem zu gefallen?

Diese Fragen haben sehr viel mit meinem Alltag zu tun. Was tue ich, nur um anderen zu gefallen?
Was tue ich, um mir selbst (und meinen selbst auferlegten Ansichten) zu gefallen? Was tue ich, um nicht aufzufallen, um lieb und nett zu sein, um die „richtigen“ Werte zu vertreten?

Mir wurde klar, ich muss wieder mehr aus mir selbst - aus meinem Körper heraus und/oder in Anbindung an mich und vielleicht sogar in Anbindung an etwas das mein wahres Selbst ist - Entscheidungen für mich und meine Familie treffen - was tut uns gerade im Hier und Jetzt gut!? Wie kann ich emotionale Ausbrüche meiner Tochter so begleiten dass es mir (und natürlich ihr) dabei gut geht?

Dieser Malprozess zeigte mir wie wichtig die Selbstanbindung und die Beschäftigung mit den eigenen Inneren Prozessen ist. Nicht nur das Wissen aus dem Studium  und aus Büchern oder Ratgebern - was aber nicht heißt das dieses Wissen überfüssig ist! - ist wichtig für uns, sondern auch die Anbindung an uns selbst. Das Ausdrucksmalen kann solche Prozesse erfahrbar machen und dich mehr mit deinen Gefühlen in Kontakt bringen.

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