Wenn eine Reaktion größer ist als der Anlass
Vor Kurzem hatte ich einen Moment, der mich noch eine Weile beschäftigt hat. Jemand kritisierte etwas, das ich erledigen sollte – eigentlich eine kleine, harmlose Situation. Und trotzdem war meine Reaktion darauf alles andere als klein. Es war Wut, richtig heftige Wut, und irgendwann habe ich gemerkt: Das kann nicht nur an diesem einen Satz liegen, der eben gefallen ist.
Früher hätte ich wahrscheinlich vor allem auf die Situation geschaut. War die Kritik berechtigt? Wer hat sich falsch verhalten? Diesmal habe ich versucht, stattdessen bei mir zu bleiben und zu beobachten, was da eigentlich gerade in mir passiert. Nicht die Wut wegschieben, nicht sofort eine Erklärung suchen, sondern erstmal nur wahrnehmen: Da ist etwas angesprungen.
Und darunter lag etwas Älteres. Ein Gefühl, das ich gut kenne, wenn ich genau hinspüre: das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Nicht gut genug zu sein. Dass das, was ich beitrage, eigentlich nicht zählt. Auf einmal war klarer, warum eine so kleine Situation so viel in mir bewegt hatte – sie hatte einfach eine viel älteren Teil berührt, der mit dem eigentlichen Moment kaum noch etwas zu tun hatte.
Das Interessante daran ist für mich nicht, wie ich diesen Anteil möglichst schnell wieder loswerde. Sondern dass ich ihn überhaupt bemerke. Vielleicht ist genau das ein Stück Selbstanbindung: zu erkennen, was gerade in mir passiert, bevor ich einfach der ersten Reaktion folge. Zu merken, da ist Wut, da ist Enge – und darunter vielleicht etwas, das einfach nur gesehen werden will.
Im Ausdrucksmalen erlebe ich sehr Ähnliches, nur eben mit Farbe statt mit Worten. Auch dort geht es nie darum, etwas möglichst schön hinzubekommen oder ein Ergebnis zu erzwingen. Man trägt Farbe auf, schaut hin, und manchmal merkt man: Hier werde ich unruhig. Hier will ich sofort korrigieren. Hier gefällt mir etwas nicht, und am liebsten würde ich aufhören. Genau dieser Moment ist spannend, wenn man ihn nicht gleich übergeht, sondern kurz dabeibleibt und fragt: Was passiert hier gerade in mir?
Ich glaube, Wahrnehmung bringt uns nicht deshalb näher zu uns selbst, weil die alten Reaktionen dann verschwinden. Sondern weil zwischen dem, was geschieht, und dem, wie ich automatisch reagieren würde, langsam ein kleiner Raum entsteht. Und in diesem Raum ist manchmal ein bisschen mehr Weichheit möglich. Ein bisschen mehr Wahlfreiheit. Und ein Stück mehr Verbindung zu dem, was wirklich in mir los ist.
Genau diese Fähigkeit – kurz innehalten, bevor die erste Reaktion übernimmt – lässt sich üben. Nicht nur im Nachdenken, sondern im Tun. Im kostenlosen 5-Tage-Kurs "Paint in the moment" gehst du fünf Tage lang genau diesen Weg: erst ankommen im Spüren, dann erlauben, was da ist, im Nichtwissen bleiben, verändern dürfen – und am Ende lernst du, zwei Dinge gleichzeitig zu malen: das Gefühl, und den Teil in dir, der es wahrnimmt, ohne davon mitgerissen zu werden.
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