"Ich weiß nicht, was das wird."

Veröffentlicht am 2. Juli 2026 um 16:31

Ein Kind hat mir das einmal im Malraum so klar und einfach gesagt, dass ich es nicht vergessen habe.

Sie war eigentlich schon fertig. Hatte ihr Bild gemalt, war zufrieden. Ich habe ihr angeboten, dass sie noch eines anfangen könnte — die Zeit war noch da. Sie hat das Papier genommen, eine Farbe gewählt und einfach angefangen. Ohne Plan. Ohne Idee. Einfach so.

Nach einer Weile — sie war schon eine ganze Zeit versunken im Malen — hat sie plötzlich aufgeschaut und gesagt:


"Ich fühle mich grad so komisch. Ich weiß überhaupt nicht, was das wird."


Da war keine Klage oder Bewertung drin. Nicht als Frage. Einfach als Feststellung. Neugierig. Offen. Ein bisschen staunend über sich selbst.

 Ich hätte ihr sagen können: Das macht nichts. Das wird schon etwas werden. Alles gut.Aber ich musste gar nichts sagen. Weil sie schon alles gesagt hatte, was zu sagen war. Sie wusste nicht, was das wird — und sie malte trotzdem weiter.

Genau da zeigen uns Kinder, worum es im Ausdrucksmalen geht.

Nicht darum, etwas Schönes zu machen. Nicht darum, ein Ziel zu haben. Sondern darum, in einen Raum einzutreten, in dem Unsicherheit erlaubt ist. In dem man nicht wissen muss, wohin es geht. In dem man einfach anfangen darf — und schaut, was kommt.

Das klingt einfach. Und für Kinder ist es das oft auch.

Für Erwachsene ist es eine Übung. Wir sind es gewohnt, zu wissen, was wir tun. Wir planen, wir kontrollieren, wir bewerten. Auch oft beim Malen. Schon bevor der Pinsel das Papier berührt, hat der Kopf entschieden, ob es gut werden wird.

Im Ausdrucksmalen darf das anders sein. Hier darf man stocken. Hier darf man nicht weiterwissen. Hier darf man — wie dieses Kind — mitten im Tun innehalten und sagen: Ich weiß nicht, was das wird. Und dann trotzdem weiter malen.

Was dabei passiert, ist manchmal überraschend.

Gefühle, die irgendwo festgesessen haben, kommen in Bewegung. Im wahrsten Sinn: weil der Pinsel sich bewegt. Weil die Hand etwas tut, ohne dass der Kopf es dirigiert. Weil Farbe auf Papier etwas zeigt, das man vorher nicht in Worte fassen konnte.

Unsicherheit ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist oft der Anfang von etwas.

Und der Malraum ist ein Ort, wo man das üben kann — zu stehen, ohne sofort zu wissen. Zu spüren, ohne sofort zu verstehen. Weiterzumachen, ohne schon anzukommen.

Das Kind hat es an jenem Nachmittag ganz natürlich gewusst.

Wir Erwachsenen dürfen es wieder lernen.

Erstelle deine eigene Website mit Webador