Ein Kind hat mir das einmal im Malraum so klar und einfach gesagt, dass ich es nicht vergessen habe.
Sie war eigentlich schon fertig. Hatte ihr Bild gemalt, war zufrieden. Ich habe ihr angeboten, dass sie noch eines anfangen könnte — die Zeit war noch da. Sie hat das Papier genommen, eine Farbe gewählt und einfach angefangen. Ohne Plan. Ohne Idee. Einfach so.
Nach einer Weile — sie war schon eine ganze Zeit versunken im Malen — hat sie plötzlich aufgeschaut und gesagt:
"Ich fühle mich grad so komisch. Ich weiß überhaupt nicht, was das wird."
Da war keine Klage oder Bewertung drin. Es war auch keine Frage. Einfach als Feststellung. Neugierig. Offen. Ein bisschen staunend über sich selbst.
Sie wusste nicht, was das wird — und sie malte trotzdem weiter.
Und dann hat sich etwas verändert. Plötzlich war da etwas, das sie erkannte. Nicht weil sie es geplant hatte, sondern weil es entstehen durfte, während sie in Bewegung geblieben ist. Das Bild hatte seinen eigenen Weg gefunden. Stimmig und genau richtig für sie in dem Moment.
Das ist vielleicht das Schönste am Ausdrucksmalen: Solange man in Bewegung bleibt, findet sich immer ein Weg zum Abschluss. Nicht als fertige Antwort. Aber als ein Moment, in dem man sagen kann: Ja. So ist es gut.
Genau das ist es, worum es im Ausdrucksmalen geht. Nicht darum, etwas Schönes zu machen. Nicht darum, ein Ziel zu haben. Sondern darum, in einen Raum einzutreten, in dem Unsicherheit erlaubt ist.
Das klingt einfach. Für Kinder ist es das oft auch.
Für Erwachsene ist es eine Übung.
Wir sind es gewohnt zu wissen, was wir tun. Wir planen, wir kontrollieren, wir bewerten. Auch beim Malen.
Im Ausdrucksmalen darf das anders sein. Hier darf man stocken. Hier darf man nicht weiterwissen. Hier darf man innehalten und sagen: Ich weiß nicht, was das wird. Und dann trotzdem weitermachen.
Gefühle, die irgendwo festgesessen haben, kommen dabei in Bewegung. Im wahrsten Sinn — weil der Pinsel sich bewegt. Weil die Hand etwas tut, ohne dass der Kopf es dirigiert.
Unsicherheit ist kein Problem, das gelöst werden muss. Sie ist oft der Anfang von etwas - man übt sich darin, Sicherheit in der Unsicherheit zu bekommen.
Das Kind hat es an jenem Nachmittag ganz natürlich gewusst. Wir Erwachsenen dürfen es wieder lernen.
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