Steine in der Klamm

Veröffentlicht am 19. Februar 2026 um 16:41

Im Seniorenheim wird im Sitzen gemalt.
Vor einer Teilnehmerin liegt eine Vorlage:
Ein Kind auf einer Wiese.

Sorgfältig koloriert die Seniorin mit Buntstiften.
Grün... Hautfarbe... Kleidung...

Unter den Füßen bleibt es weiß.

Nach einer Weile schaut mich die Malende an und fragt: „Was würdest du besser machen?“

Der Satz wirkt vertraut für alle - 
Wie aus jener Zeit, in der man gelernt hat, nach Fehlern zu suchen.

Ich setze mich neben sie und sage:
„Vielleicht könnte unter den Füßen noch etwas entstehen. Vielleicht ein Bach?“

Es ist kein Deuten.
Kein Korrigieren.
Nur ein Angebot im Raum.

Resonanz entsteht nicht durch Überzeugen.
Sondern wenn etwas im Anderen anklingt.

Die Seniorin schaut auf das Weiß.
„Ja. Mit Steinen“, sagt sie –
und strahlt.

„Ich hab auch immer gern mit Steinen geklaubt“, sage ich.

„Ja, in der Klamm“, antwortet sie.
„Da hab ich immer beim Bach gespielt.“

Etwas hat sich geöffnet.

Sie greift nach Grau und zeichnet Stein für Stein.
Dann nimmt sie Blau weil zwischen den Steinen fließt Wasser.

Das Weiß war kein Fehler.
Es war ein offener Raum.

Aus einer Frage nach Verbesserung
wurde Erinnerung.
Und aus Erinnerung
Bewegung.

Im Malen ist nichts aufgezwungen worden.
Es hat nur etwas geantwortet.

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Diese Szene entstand in einer Maleinheit im Seniorenheim.

Beim Ausdrucksmalen tauchen oft Erinnerungen auf, die lange still waren. Ohne Befragung, ohne Druck – nur durch Farbe und Tun.

Gerade für ältere Menschen und auch für Menschen mit Demenz kann das Malen so zu einer stillen Form von Biografiearbeit werden.

Ein kleiner Impuls basierend auf Resonanz –
und etwas das wieder erinnert werden will beginnt zu fließen.

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