Während meiner Ausbildung zur Malbegleiterin war eine der wichtigsten Voraussetzungen: selbst ins Ausdrucksmalen eintauchen. Eines der Bilder, die dabei entstanden sind, möchte ich hier teilen – und die Geschichte, die sich beim Malen gezeigt hat.
Wir mussten ohne Vorgabe beginnen auf einem A3 Blatt. Ich wählte einen orangen Buntstift.
Ich hatte keine Idee und keinen Plan - nur die Farbe und die Bewegung. Die ersten Striche waren ruhig – fast meditativ, wie man so sagt, aber diesmal stimmte es wirklich. Kreise legten sich ineinander. Linie um Linie. Meine Hand bewegte sich, und ich habe ihr einfach zugeschaut.
Irgendwann waren da Köpfe.
Den ersten Hinweis gab mir die Malbegleiterin – sie bemerkte, dass die Kreise wie Köpfe aussehen. Mehr nicht - kein Deuten, keine Interpretation. Nur dieser eine Satz, der meine Aufmerksamkeit in eine Richtung lenkte. Alles andere kam aus mir.
Denn plötzlich wusste ich, wer diese Köpfe waren. Ich hatte sie nicht geplant, aber sie standen im Bild – mit Haaren, mit Nasen, mit einer stillen, kaum erklärbaren Präsenz. Es klingt erst merkwürdig aber meine Familie hatte sich gemalt - Ich konnte durch mein Gemaltes einen Bezug zu meinem Leben herstellen.
Und dann habe ich mich selbst gefunden. Ganz unten im Bild.
Der erste Gedanke kam schnell und ohne Umweg: "Warum bin ich ganz unten? Werde ich nicht gesehen." Ich spürte eine leichte Enttäuschung und etwas Traurigkeit darüber... viele andere Gedanken liefen in mir ab.
Ich hätte an diesem Punkt aufhören können. Das Bild weglegen, den Gedanken beiseiteschieben, weitermachen.
Aber ich habe weitergemalt und bin mit den Gefühlen geblieben.
Ich habe verfeinert, koloriert, die Gesichter herausgearbeitet. Details, die vorher nur angedeutet waren, bekamen Form. Und durch dieses Weitermachen, durch das Dableiben beim Bild statt beim ersten Impuls aufzugeben, hat sich langsam etwas verschoben. Auch diese Verschiebung kam nicht von außen – sie entstand einfach, während ich malte und schaute.
Ich war nicht unten, weil ich vergessen worden war. Ich war unten, weil ich trage. Weil ich halte. Weil ich stütze. So wie Wurzeln im Erdreich nicht sichtbar sind und trotzdem – oder genau deswegen – das Ganze halten.
Dasselbe Bild. Ein völlig anderes Gefühl.
Das ist es, was mich am Ausdrucksmalen immer wieder überrascht. Ein Bild sagt nicht sofort, was es bedeutet. Es zeigt zuerst oft nur eine Bewegung, einen Impuls, eine erste rohe Reaktion. Und diese erste Reaktion ist selten die einzige Wahrheit – sie ist eher eine Tür. Was dahinter liegt, findet jede Person selbst – in ihrem eigenen Tempo, in ihrer eigenen Sprache.
Die Malbegleitung gibt dabei keine Antworten und keine Deutungen. Sie blickt nur objektiv mit dem Malenden auf das gemalte und hält den Raum. Den Rest tut das Bild – und die Person, die davor steht.
Passiert das immer? Nicht unbedingt. Aber je öfter man sich darauf einlässt, desto öfter kann ein Malprozess innere Denk- und Fühlmuster in Bewegung bringen – auf eine Weise, die sich Worte alleine kaum trauen würden.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Bilder uns manchmal näher zu uns bringen als Worte. Nicht weil sie Antworten geben. Sondern weil sie etwas sichtbar machen, das vorher nur irgendwo im Körper gespürt wurde – ohne Form, ohne Namen.
Und manchmal braucht es eben Orange und ein paar Kreise, um das zu finden.
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