Ein schönes Antlitz

Veröffentlicht am 3. März 2026 um 21:30

„Du hast ein so schönes Antlitz, wenn du malst“,
sagte eine Seniorin zu mir.

Dieses Wort hat mich berührt, weil ich es schon lange nicht mehr gehört hatte:

"Antlitz".

Vielleicht verändert sich unser Gesicht,
wenn wir weich werden.

Im Alltag stehen wir oft im Widerstand. Ganz unbewusst und kaum bemerkt.
Im Widerstand gegen eine Situationen.
Im Widerstand gegen Gefühle von uns oder unserer Kinder.
Im Widerstand gegen das, was gerade ist.

Widerstand macht uns hart im Kopf und im Körper.
Er spannt uns an.
Er bringt uns in den Kampf.

Auch das sieht man im Gesicht.

Im Malraum geschieht manchmal etwas anderes.

Bei vielen Malenden beobachte ich es:
Sie versinken in ihrer Malwelt.
Werden ruhig und sind ganz vertieft.
So sehr im Tun, dass man sie nicht stören möchte.

Da braucht es keinen Impuls von außen.
Keine Anleitung.
Nur Farbe und Bewegung.

Flow.
Nullpunkt.

In solchen Momenten hört der Kampf auf.
Nicht, weil alles gelöst ist.
Sondern weil nichts im Widerstand ist.

Vielleicht ist es das, was Weichheit ist.

Im Ausdrucksmalen darf das, was innen ist, da sein.

Auch Unruhe.
Auch Schwere.
Auch Zorn.
Auch Müdigkeit.

Es muss nichts anders sein.

Manches darf einfach aufs Papier.
Manches darf ruhen.

Clarissa Pinkola Estés spricht vom „Ablassen“.
Nicht im Sinne von Wegdrücken oder weg haben wollen.
Sondern im Sinne von:
Dinge ruhen lassen.
Nicht weiter anheizen durch grübeln und zerdenken.
Nicht weiter bestrafen.

Vielleicht geschieht im Malen genau das.

Ein inneres Ablassen.

Und im Antlitz zeigt sich dann etwas Weiches.
Etwas Echtes. Keine Maske.
Sondern das wirkliche Selbst.

Weichheit ist keine Schwäche.
Sie ist Beziehung.
Zu sich selbst.
Und zu anderen.

Vielleicht berühren wir im Malen genau diesen Ort.
Und vielleicht sieht man das im Antlitz.

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